Weiterentwicklung der IV: Berufliche Bildung ist wichtig – auch im geschützten Bereich

16. Februar 2017

BERN. Die Revision im Rahmen der Weiterentwicklung der IV, die der Bundesrat gestern ans Parlament überwiesen hat, sieht bei der beruflichen Integration von Jugendlichen und von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung zahlreiche Verbesserungen vor. Die Botschaft hält zudem fest, dass auch junge Versicherte, die den Anforderungen einer eidg. anerkannten beruflichen Grundbildung nicht gewachsen sind und vermutlich nie ein rentenbeeinflussendes Einkommen erwerben werden,  eine zweijährige berufliche Ausbildung absolvieren können – dies auch im sogenannten zweiten Arbeitsmarkt

Heute bieten rund 300 Institutionen Menschen mit starker Beeinträchtigung die Möglichkeit, im Arbeitsleben zu stehen – sei es im Rahmen von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen oder in Form von Eingliederungsmassnahmen. Diese Institutionen sind somit Hauptakteure bei der beruflichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung und entsprechend stark von der aktuellen Revision des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung betroffen.

Grundsätzlich gute Stossrichtung

INSOS Schweiz heisst die Gesetzesvorlage, welche der Bundesrat heute zuhanden des Parlaments verabschiedet hat, grundsätzlich gut. Das revidierte Gesetz führt zu wesentlichen Verbesserungen[1] der beruflichen Eingliederungschancen von Menschen mit Beeinträchtigung und schliesst wichtige Lücken. Erfreulich ist zudem, dass die Weiterentwicklung der IV nicht mit einer Sparübung verknüpft ist. 

Ausbildung im geschützten Bereich gewährleistet

INSOS Schweiz ist darüber erfreut, dass die in Art. 16 IVG verankerte Ausrichtung der erstmaligen beruflichen Ausbildungen auf den sogenannten ersten Arbeitsmarkt gemäss Botschaft nicht mit einem Rückzug der IV aus der Finanzierung von Erstausbildungen im geschützten Rahmen einhergeht. Heute erleben die INSOS-Ausbildungsbetriebe bei der IV eine grosse Zurückhaltung in der Verfügungspraxis von erstmaligen beruflichen Ausbildungen im geschützten Rahmen. Befürchtet wurde, dass sich dieser Trend mit der Revision weiter verschärfen wird.

INSOS setzt sich dafür ein, dass auch Jugendliche, die auf einen geschützten Rahmen angewiesen sind, eine weiterführende berufliche Ausbildung mit Anschlussmöglichkeiten absolvieren können und wehrt sich gegen eine Ausbildung ausschliesslich im ersten Arbeitsmarkt. Die Frage, wo die Ausbildung oder ein Arbeitsplatz angeboten wird – ob im ersten oder zweiten Arbeitsmarkt – ist aus Sicht von INSOS Schweiz nicht wesentlich. Die Unterscheidung der Arbeitsmärkte wird heute auch von Wirtschaftsexperten in Frage gestellt. Zumal die Grenzen fliessend sind und viele Institutionen heute dank einer guten Vernetzung mit Firmen des sog. ersten Arbeitsmarkts durchlässige und flexible Ausbildungs- und Arbeitsplätze anbieten. Wesentlich ist die Frage, wie gut und professionell eine Person mit Unterstützungsbedarf ausgebildet wird. Denn von der Qualität hängt der Erfolg einer beruflichen Integration ab.

Auch Erstausbildungen im geschützten Rahmensind erfolgreich: Jedes Jahr absolvieren über 1000 Jugendliche, die eine zweijährige EBA-Ausbildung (berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Attest) (noch) nicht bewältigen können, eine Praktische Ausbildung (PrA). Über 30 Prozent finden danach Arbeit im ersten Arbeitsmarkt, weitere 10 Prozent wechseln direkt in einen EBA-Ausbildungsplatz. Dies zeigt: Erstausbildungen im geschützten Rahmen sind keine Sackgasse, sondern ebnen jenen Jugendlichen, die mehr Zeit und Unterstützung brauchen, den Weg in die Arbeitswelt.

Keine Parallelstrukturen aufbauen

INSOS Schweiz plädiert für eine verbindliche Zusammenarbeit der wichtigsten Instanzen für die Optimierung der beruflichen Teilhabe, wie sie in Art. 68sexies IVG vorgesehen ist. Der Branchenverband setzt grosse Hoffnung in die «Nationale Konferenz zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen», an welcher er sich aktiv einbringt. Eine Koordination und Kooperation fordert INSOS auch bzgl. des geplanten Ausbaus der Beratung und Begleitung (Art. 14quater IVG).  

Es gibt bereits seit Jahren INSOS-Betriebe, welche die Beratung und Begleitung von Personen selbst unter schwierigen Bedingungen erfolgreich und professionell umsetzen und dafür nicht nur das nötige Knowhow, sondern auch langjährige Erfahrung und ein entsprechendes Netzwerk in der Wirtschaft aufgebaut haben.