22. Februar 2011 - Medienmitteilung von INSOS Schweiz

Nach Missbrauchsfall: Taskforce von INSOS Schweiz prüft konkrete Präventionsmassnahmen

22. Februar 2011

BERN. Die ungeheuerlichen Fälle von sexuellem Missbrauch in Institutionen für Menschen mit Behinderung haben nicht nur die Öffentlichkeit, sondern die gesamte Branche zutiefst schockiert. Während derzeit die Institutionen ihre Konzepte und Abläufe sorgfältig durchleuchten, prüft eine Taskforce von INSOS Schweiz eingehend verschiedene Präventionsmassnahmen für den Alltag in den Institutionen. Ausserdem wurde auf Initiative von INSOS Schweiz die verbandsübergreifende Arbeitsgruppe Prävention geschaffen.

Die Missbrauchsfälle haben die Institutionen für Menschen mit Behinderung tief erschüttert. Jede Institution stellt sich derzeit intensiv die Frage, wie sie sich vor Tätern schützen und sexuelle Übergriffe verhindern oder frühzeitig erkennen kann. Zurzeit werden deshalb in den Institutionen die Präventions- und Sexualkonzepte ein weiteres Mal durchleuchtet und auf Lücken überprüft.

Taskforce von INSOS Schweiz hat Arbeit aufgenommen
INSOS Schweiz hat das Thema Gewalt in Institutionen in den letzten Jahren immer wieder auf die Agenda seiner Mitglieder gebracht – mit einer Broschüre, einer Tagung, einem Intensiv-Workshop etc. Trotzdem steht für den Verband ausser Frage, dass er das Thema auf nationaler Ebene weiter vertiefen und die Sensibilisierungsarbeit noch gezielter fortführen muss. INSOS Schweiz hat deshalb eine Taskforce ins Leben gerufen, welche alle bisherigen Präventionsmassnahmen im institutionellen Berich gründlich überdenken, Schlussfolgerungen für die Praxis ziehen und zusätzliche Massnahmen sorgfältig prüfen wird. Denkbar sind u.a. Checklisten oder die Erarbeitung von neuen Standards, Empfehlungen oder Richtlinien für die Praxis.

Drei Themenbereiche im Fokus
Die Taskforce hat bereits diverse Bereiche mit allfälligem Verbesserungspotential festgehalten. Aus Sicht von INSOS Schweiz stehen mögliche Präventionsmassnahmen primär in den folgenden drei Themenbereichen zur Diskussion:

  1. Mitarbeitende: Personalrekrutierung / Personalentwicklung: Institutionen dürfen sich bei der Personalrekrutierung nicht nur auf Arbeitszeugnisse abstützen. Das mündliche Einholen mehrerer Referenzen ist zwingend – eine bessere Vernetzung unter den Arbeitgebenden ein Muss. Zu prüfen ist u.a. die obligatorische Einforderung eines Strafregisterauszugs, die Unterzeichnung eines Ehrenkodexes oder ein obligatorisches Personal-Screening. Geprüft wird auch, ob die Idee eines Berufsregisters (persönliche und fachliche Eignung, periodischer Nachweis von Aus- und Weiterbildungen etc.) oder einer schwarzen Liste (analog der EDK) weiterverfolgt werden soll. Als mögliche Verbesserung bei den Arbeitszeugnissen steht ein Anhang zur Diskussion, in welchem zusätzliche Angaben aufgenommen werden könnten.
  2. Stärkung und Sensibilisierung der Bewohnerinnen und Bewohner: Im Mittelpunkt steht hier die Frage, wie Bewohnerinnen und Bewohner noch besser lernen können, Nein zu sagen und Grenzen zu setzen (z.B. mit kontinuierlicher Sensibilisierung, regelmässiger Schulung der Mitarbeitenden, gestützter Kommunikation, neuen Lehrmitteln etc.). Eine weitere zentrale Frage ist: Wie kann das Recht auf Sexualität in einer Institution trotz Behinderung gelebt werden?
  3. Meldepflicht / Register: Es kann immer wieder zu Konstellationen und Situationen kommen, in denen Mitarbeitenden, Nachbarn, Eltern oder Therapeuten eine Meldung bezüglich vermutetem Missbrauch schwer fällt: Sei es beispielsweise, weil bloss ein diffuses Bauchgefühl besteht, aber keine Tatsachen vorliegen, oder sei es, weil man mit allenfalls ungerechtfertigten Anschuldigungen nicht das Vertrauensklima aufs Spiel setzen will. Zu prüfen ist deshalb eine interne oder externe unabhängige Meldestelle für Missbrauchsvermutungen. Zu klären gilt es hier, was mit den heiklen Daten passieren würde. Denn selbstverständlich sind die Persönlichkeitsrechte zu wahren, der Datenschutz darf jedoch nicht den Täter schützen. Da bei Sexualdelikten die Täter häufig Wiederholungstäter sind, gilt es grundsätzlich zu prüfen, ob die heutigen Massnahmen ausreichen resp. voll ausgeschöpft werden, damit weitere Missbräuche ausgeschlossen sind.

Für die Umsetzung sind die verschiedensten Partner, darunter in erster Linie die Institutionen und die verschiedenen Verbände, in der Pflicht. In einzelnen Bereichen wird jedoch die Politik resp. die Legislative gefordert sein.

Enge Zusammenarbeit mit anderen Verbänden in der neuen Arbeitsgruppe
Damit in diesem wichtigen Prozess blinde Flecken vermieden werden und möglichst viele Sichtweisen (v.a. auch der Betroffenen und ihrer Eltern) einfliessen können, haben sich auf Initiative von INSOS Schweiz die Verbandsspitzen von INSOS Schweiz, Insieme Schweiz (Dachorganisation der Elternvereine), der Selbsthilfeorganisation Procap Schweiz, der Vereinigung Cerebral Schweiz (Unterstützung für Familien und ihre cerebral gelähmten Angehörigen) und des vahs (Verband anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie) bereits ein erstes Mal getroffen und sich zu einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen. Die Arbeitsgruppe Prävention ist
an der Mitarbeit weiterer nationaler Verbände sehr interessiert (eingeladen sind auch ExpertInnen aus Medizin und Forschung, Ausbildungsinstitutionen, der Sozialdirektorenkonferenz SODK etc.). Ziel dieser verbandsübergreifenden Arbeitsgruppe ist es, zum Schutz aller Menschen mit Behinderung konkrete Massnahmen zur Vermeidung von sexuellen Übergriffen in allen Lebensbereichen auszuarbeiten (Familie, Freizeit, Ferien, Arbeit, Wohnen, Therapie etc.). Die erste Sitzung der vergrösserten Arbeitsgruppe findet am 16. März 2011 statt. Sie beabsichtigt, regelmässig über ihre Ergebnisse zu informieren.

Kontakt
Ivo Lötscher-Zwinggi, Geschäftsführer INSOS Schweiz, Tel. 078 753 83 00